Heribert Illig: Das erfundene Mittelalter

Mai 6th, 2010  |  Veroeffentlicht in -Architektur-, Allgemein, Sachliteratur


    Kulturjournal will Klarheit haben, dafür brauchen wir Sie, lieber Leser ! Schicken Sie den Beweis, der das Kartenhaus zum Einsturz bringt !
    Wir selbst sind uns  nicht sicher – und wir werden die Belege, die Illig vorbringt, überprüfen, soweit möglich.
    Interessant ist schon jetzt, wie die jeweiligen Fachwissenschaften auf den Befund Illigs reagiert haben : Auch anderen Fachleuten sind merkwürdige Ungereimtheiten aufgefallen. Da werden schnell die anderen großen Kapazitäten genannt, um nicht ins Visier der Hüter der Heiligen Lehre zu geraten und das Schicksal aller Ketzer fürchten zu müssen : die Exkommunion.  (mehr…)

    Zugegeben, eine gehörige Portion Skepsis begleitet diesen Artikel. Der Gedanke, dass wir Deutschen unseren geschätzten Kaiser Karl den Gr., unsere französischen Freunde den geliebten Charlemagne vergessen dürfen, vor allem aber, dass zur Sicherung eigener Pfründe und Privilegien ein gigantischer Fälschungsapparat inszeniert worden ist, ist schwer zu verdauen.
    Allerdings fällt mir ein, dass ich als junger Kunstgeschichtsstudent kopfschüttelnd einige Tatbestände hinnehmen musste, denen sich der  gesunde Menschenverstand versagt. Und diese – vornehmlich stilistischen – Widersprüche liegen genau in der Zeit, um die es hier geht.
    Oder will sich hier eine Gruppe Wissenschaftler medienwirksam profilieren ?
    Illig erklärt eigene Zweifel und gibt zu, dass seine kühne These noch weiterhin zu verifizieren sei. Nun ist es eine gigantische Aufgabe, 300 Jahre Menschheitsgeschichte daraufhin zu überprüfen, dass sie sich nicht ereignet hat. Da haben die  Herren Prof. Illig, Niemitz und Heinsohn noch viel vor sich. Ein running gag durch die Kunstgeschichte ? Immer wieder mit neuen Sensationen ins Licht der Medienwelt statt grauer Wissenschaftsalltag im verstaubten Elfenbeinturm ?
    Die Idee entsteht nach einem Referat des Mediävisten (Forscher der mittelalterlichen Welt) Horst Fuhrmann auf dem Kongreß „Über Fälschungen im Mittelalter“ mit dem Schluß : „Allen diesen Fälschungen ist eigentümlich, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung kaum gewirkt haben. Sie hatten, von der Entstehungszeit her gesehen, antizipatorischen Charakter“.(Zit. F.) Auf gut deutsch : Alle von der Wissenschaft anerkannten Fälschungen erfüllen ihren Zweck erst in ferner Zukunft, manchmal erst Jahrhunderte später. „Alle diese Schriften haben sozusagen warten müssen, bis ihre Stunde gekommen war“. (Zit.F.1988,90) Illig kennt aus seiner Beschäftigung mit der Frühgeschichte das Phänomen : Ereignisse werden von einer falschen Chronologie begleitet. Auch im Mittelalter ? In diesem Zeitraum leicht überprüfbar wegen des christlichen Kalenders, 1582 ist „unser“ (gregorianischer) Kalender gegenüber dem julianischen um 10 Tage korrigiert worden. Illig rechnet nach : „Damals hätte man nicht nur 10, sondern 12, besser 13 Tage überspringen müssen. Und trotzdem stimmen Kalender und astronomische Situation zu einander“(Zit.I.)
    Da jeder Tag rechnerisch rund 133 Kalenderjahren entspricht, reden wir über den kleinen Lapsus von rund 350 Jahren, die sich in die Geschichte zwischen Julius Caesar und Papst Gregorius gemogelt haben. Nun sprechen Experten der verschiedensten Wissenschaften, Linguisten, Germanisten, Baugeschichtler, Kunstwissenschaftler,Archäologen und Historiker  vom „dunklen Jahrhundert“ und meinen den Zeitabschnitt von 476 (Ende d. Römischen Reiches) bis zum Beginn des ottonischen Reiches (9.Jh), natürlich den eignen fachspezifischen Quellen folgend. So erklären sich leichte Zeitdifferenzen.
    Überspringen wir die Klippen, die Illig in einer ersten wackeligen Kahnpartie umschifft, und stellen wir die entscheidende Frage  : Cui bono ? Wem nützt eine Geschichtsfälschung, die einen so großen Zeitraum umfasst, und, daran angeschlossen : Bedarf es nicht eines unmenschlichen Aufwandes, um diesen Betrug durchzuführen und nachhaltig glaubhaft zu machen ?
    Wenden wir uns der Lichtgestalt im dunklen Jahrhundert zu : Karl dem Grossen /Charlemagne
    ,In den Kapiteln „Der gefälschte Karl – wann und wozu ? „ und Cui bono?“ gibt Illig seine Antwort.
    Zunächst fällt auf : Viele Täter, viele Mitwisser, viele Motive – häufig verfeindete Verbündete, die am selben Coup arbeiten. „Karl der Fiktive hat zu unterschiedlichen Zeiten immer neue Konturen hinzugewonnen“ (Z.)
    Trotzdem der Zweifel : Sind hier nicht einige „Täter“ zuviel und über zu lange Zeiträume  am Werke ?
    Die Verdächtigen : Otto III. (983 – 1002), der die kaiserliche Nachfolge antritt.
    „Von Otto selbst, seinem Vater Otto II. oder seiner byzantinischen Mutter Theophanu dürfte die universale Kaiseridee stammen“.(Z.) Otto III. benutzt 998 wie ehemals die römischen Herrscher eine Bleibulle, die die Renovatio imperii romanorum propagiert, also die Wiederkehr des römischen Reiches, die man schon Karl unterschieben will. Mit seinem Vertrauten Gerbert , den er zum Papst Silvester II macht,  Reichskanzler Willigis von Mainz, Erzkanzler Heribert von Köln und seinem einstigen Erzieher Bernward von Hildesheim soll er die Fiktion von Kaiser Karl initiiert haben. Kaiser Heinrich IV. (1056-1106), nebenbei als Bauherr der Pfalzkapelle in Aachen erkannt, steht in besonderer Spannung zum Papst Gregor VII. Heinrich wird von Gregor verbannt, als König abgesetzt und zum berühmten Gang nach Canossa genötigt (1077). Später setzt Heinrich Gregor ab und läßt sich vom Gegenpapst Clement III. 1084 zum Kaiser krönen. „Ihm mußte wegen des ausufernden Investiturstreites besonders an einem übermächtigen, papstdüpierenden Vorfahren gelegen sein“.(Z.) Der Investiturstreit – eine Auseinandersetzung zwischen König und Papsttum, wer die Bischöfe einsetzt, und damit über Immobilienbesitz, Steuereinnahmen und politischen Einfluß verfügt.
    Der nächste im Fälscher-Ring: Friedrich I. Barbarossa, der nun ein staatstragendes Motiv hat :
    Er will Kaiser werden unter Berufung auf Karl und vom ihm stammt der Begriff „Heiliges
    Römisches Reich“, Sacrum Romanum Imperium.
    Seine Nachkommen, besonders Friedrich II., arbeiten weiter am „fiktiven Karl“. An seinem „interkulturellen“ Hofe sind genug Intellektuelle, „um eine Karlsfälschung wirkungsvoll ausstatten zu können“.(Z.) Im übrigen Europa ist die geistige Elite im 12/13. Jh Handlanger der katholischen Kirche ( LeGoff,1993,79). Wobei der nächste Verdächtige mit bestem Motiv ins Spiel kommt :
    Die Kirche behauptet, von Karl und seinem Vater den Kirchenstaat geschenkt bekommen zu haben.
    In Frankreich betreibt Charles V. in seiner Regierung von 1364 – 1380 den Charlemagne – Kult.
    Schließlich und endlich kommt noch der gesamte europäische Humanismus in Generalverdacht, letzte Hand an Karl gelegt zu haben. So wurde die Fiktion, Karls Geburtsort sei die Gautinger Reismühle, von dem Humanisten Ulrich Fuetrer im Auftrag des bayerischen Herrscherhauses erfunden und in seiner „Baierischen Chronik“ 1481 veröffentlicht“ (Z. Barthel/ Breitenfellner 1953)
    Nun ist Illig nicht der erste, der eine Fälschungstheorie entwickelt. Wir lassen ihn seine Vorgänger selbst vorstellen :
    „Hier ist Wilhelm Kammeier (1889 – 1959) zu nennen, der schon vor 60 Jahren eine so weitgehende Fälschungsthese aufstellte, wie sie vor ihm nur der Jesuit Jean Hardouin im frühen 18. Jh vertreten hatte“.
    Und weiter :
    „Für die vorliegende These wird stattdessen vorrangig architektonisch und kunstgeschichtlich argumentiert, nachdem die Kunstwerke wesentlich besser zugänglich sind und ihre Entwicklungsbögen über die Jahrhunderte hinweg einigermaßen präzis zu verfolgen sind. Was die Situation bei den Urkunden betrifft, so läßt sich nur feststellen, dass die Spezialisten ständig weitere Urkunden als Fälschungen erachten und oft genug auch als solche entlarven (vgl. Fälschungen 1988). Für sie stellt sich die Frage, ob sie nicht einfach die guten von den schlechten Fälschungen gesondert haben, als sie glaubten, Originale von Fälschungen zu scheiden
    Lesen Sie zu diesem Thema den Beitrag über Wilhelm Kammeier, Die Fälschung der deutschen Geschichte
    Nun setzt auch Illig eine lineare Entwicklung der Kunstgeschichte  voraus. Lassen wir uns auf diese unausgesprochene Grundvoraussetzung ein und folgen wir in einem Bereich, der noch am plausibelsten erscheint : in der Architektur. Hier sind gewisse Voraussetzungen in Materialbearbeitung, Werkstoffkenntnis, Statik nötig, um bestimmte Bauvorhaben realisieren zu können. Diese Kenntnisse sind in der Regel Erfahrungswerte, die innerhalb eines Gewerkes, einer Handwerksinnung an die nächste Generation weiter gegeben werden.
    Kulturjournal wird in den Rubriken, die zum Thema passen, die Beweise Illigs kommentieren.
    Wenden wie uns der Kathedrale Saint Denis zu, einem Hauptwerk der Gotik.
    Illig hat das Problem, dass er sich nicht nur auf stilistische Zuordnung beschränken kann.Er muß nachweisen, dass seine Kollegen wissentlich oder unbedacht falschen Dokumenten auf den Leim gegangen sind, eigentlich um zu zeigen, dass der behandelte Sachgegenstand aus einer früheren oder späteren Zeit stammt (oder gar nicht existiert).
    Diesen Nachweis führt er für Saint Denis im Kapitel
    Die eigentliche Baugeschichte von Saint – Denis
    Erfreulicherweise nennt er andere Wissenschaftler zur Beweisführung :D er Archäologe Jan van der Meulen und der Architekt Andreas Speer haben die Kathedrale untersucht.
    „Vor seinen Arbeiten in Saint – Denis hat Jan van der Meulen zusammen mit Jürgen Hohmeyer die „Biographie der Kathedrale“ von Chartres geschrieben und dabei bewiesen, dass er willens und in der Lage ist, bauarchäologische Befunde und literarische Quellen nicht einfach zu verquicken, um möglichst rasch Zuschreibungen und Datierungen präsentieren zu können“. (Z.I) Schade nur, dass er diese hohe Meinung seines Kollegen nicht durchhält, wie wir noch sehen werden.
    Zunächst eine Aussage des geschätzten Kollegen und dessen Co-Autoren, die zumindest den Laien verblüfft : „So erstaunt die Tatsache, dass in der Kathedralforschung dieses Jahrhunderts keiner der Hauptbauten bauarchäologisch durchgreifend erfaßt worden ist. Vielmehr beruhen die beiden vorherrschenden kunsthistorischen Interpretationsschulen, die stilgeschichtliche Bestimmung der mittelalterlichen Kunst einerseits wie auch die vermeintliche „histoire exacte“ (= die genaue Geschichte) der Quellenauslegung andererseits, auf einer übertriebenen Gutgläubigkeit gegenüber den sichtbar erhaltenen Kathedralen als einheitlichen Gesamtkunstwerken“. ( Meulen/Speer 1988,2)
    Und weiter : Vor 1194, d.h. vor den in Chartres überprüften Baudaten, gibt es“ kein einziges sog. frühgotisches fränkisches Bauwerk, das überhaupt quellenkundig datiert ist – geschweige denn in seinen Detailformen“(M/S,2)
    Das Team will neue „Ansätze für die Forschung freilegen,…(indem sie).. von einem im erhaltenen Baukörper nachvollziehbaren archäologischen Sachverhalt und von stichhaltigen und allgemein nachvollziehbaren Kriterien ausgehen“(Z ), denn zu oft hat sich die Bauarchäologie auf die „Evokationsfähigkeit seiner anerkannten Autoritäten seit Arcisse de Caumont (+1873)“ verlassen, und das wissenschaftliche Ideal der „absoluten Chronologie wurde niemals an die internen Kriterien der archäologischen Disziplinen gekoppelt. Sogar dort, wo Münz- oder Grabfunde zufällig zutage treten, werden diese oft ignoriert oder abstrus zerredet“(M/S,3). Um nicht der selben Gefahr zu erliegen, nur das zu verwenden, was in die Theorie passt, und „sich vor peinlichen Zirkelschlüssen zu feien“(M/S,3), muß das methodische Nacheinander von Bauarchäologie und Quellenbefund streng bewahrt werden“(M/S,7). Mit anderen Worten : nicht die individuelle Betrachtung des Kenners, sondern harte wissenschaftliche Erkenntnisse sollen gelten für eine Baubeschreibung von Saint-Denis, die sich bisher so gelesen hat :
    636 – Dagobert I. Läßt die Kirche weihen
    754 – Pippin der Jüngere läßt den Fulrad-Bau beginnen
    773 – Weihe des Fulradbaus unter Karl d. Großen
    1140 – Suger legt Grundstein für neuen Chor (beendet 1143)
    1231 – Abt Odo beginnt den hochgotischen Chor (bis 1281)
    Mit modernster Technik wird Überraschendes gefunden :
    Unter dem Mittelschiff der Kirche, aber über eine Quermauer des Großbaus hinweg läuft ein durchgehendes Stratum, das im Ostteil auf rund 565, mittschiffs allgemein „merowingisch, im Westen aber karolingisch datiert wird“(M/S,29). Die genaue Datierung 565 stammt vom Sarkophag der Königin Arnegunde.
    Damit ist klar, dass der zu dieser Quermauer gehörige Kirchenbau nicht im 7., sondern im 6. Jh oder früher anzusiedeln ist. Die Autoren :
    „Dass die „Gesta“ Dagobert I. die frühere Forschung gelegentlich dazu verführt haben, Dagobert den ersten wesentlichen Kirchenbau zuzuschreiben, ist durchaus verständlich und liegt in der Absicht der Gesta – Erzählung. Nach dem Auffinden der Armegundis – Bestattung aber war keine Polemik vonnöten, diesen zuletzt durch Formigé (1960) vertretenen Standpunkt zu entkräften“(M/S,143f)
    Nochmal in Klartext : Die beiden Forscher erklären in sehr zurückhaltender Form, dass die Historiker dem gefälschten Dokument der Gesta-Erzählung geglaubt  und damit Dagobert zum großen Bauherrn der Gotik gekürt haben. Nun gibt es schon immer eine gegenteilige Meinung in der Wissenschaft, die Kirche der hl. Genoveva sei in Saint – Denis Mitte des 5. Jh.s gebaut worden und habe bis zum Neubau Pippins dort gestanden. In dieser These, zuletzt von Wehrli 1982,36 vertreten, taucht Dagobert als Bauherr nicht auf.
    „Dass Dagobert keinen Neubau der Basilika vornahm, war schon von Crosby (1942),S.67, akzeptiert worden – jedoch nur mit dem Ziel, den hypothetischen Nachfolgebau, die „karolingische Basilika, als frühesten Großbau am Orte zu ermöglichen“(M/S,144). Illig kommentiert :
    „Die Autoren schlossen, Dagobert I. habe lediglich die Ur – Apsis entscheidend „christianisiert“, behielten so einen Grund für die Weihe von 636 (M/S,149) und wandten sich dann dem Karlsbau zu. Hier ergab sich der gleiche überraschende Befund : Eine ganze Karolingerkirche war und ist genauso wenig wie ein Dagobertbau zu eruieren“ (Illig).
    Dem aufmerksamen Leser ist nun ein feiner Widerspruch aufgefallen : Selbst wenn der archäologische Befund eindeutig keinen Dagobert-  und keinen Karlsbau feststellt, halten die beiden Forscher an der Weihe durch Dagobert im Jahre 636 fest. Wenn wir großzügig einen Zeitpuffer bei dem Fund des Sarkophags von 565 billigen : Die Zeremonie von 636 liegt nun genau in der Zeit, die nach Illig nicht stattgefunden hat.
    Zunächst schiebt Illig weitere plausible Argumente nach, die dafür sprechen, dass weder Dagobert noch Karl d. Gr. als Bauherren aufgetreten sind. Die Fundamente der frühen Kirche dienen als Beleg für beide Bauten. Somit wäre der „Gründungsbau karolingischer Sakralarchitektur“(M/S,183) nicht größer ausgefallen als der Bau Dagoberts, der 150 Jahre früher entstanden sein soll und der dem Abt Suger im 11. Jh zu klein und kümmerlich gewesen ist. Die wissenschaftliche Theorie ist den schriftlichen Quellen gefolgt und hat sich in immer kühneren Spekulationen verstiegen. So kritisieren v.d. Meulen/ Speer besonders Sumner Crosby, der von 1942 bis 1981 über Saint – Denis publiziert und den Karolingerbau verherrlicht hat : „(Crosby).. versteigt sich sogar zu Maßangaben mit Zentimeter – Genauigkeit, die er aus postulierten Fußmaßen, Proportionen und rekonstruierten ( nicht ergrabenen) Bauteilen gewinnt und sogar ( um  „the massing of Fulrad’s Church“ zu verdeutlichen ) in Form eines Modells darstellt. Die dadurch entstandenen schattenhaften Umrisse des Gebildes einer Kirche, die nie existiert hat, sind eine zutreffende Darstellung imaginärer Werte, die seit 45 Jahren zu tiefen Überlegungen geführt haben (M/S,179) Wir dürfen wenigstens der Deutlichkeit halber mit kräftigeren Worten den Sachverhalt beschreiben: Vom berühmten Fulrad-Bau ist archäologisch nicht ein Stein gefunden worden. Mit Urkunden, die Karls Beisein 775 bei der Weihe belegen, und viel kreativer Phantasie ist dann das Modell des Fulrad- Baus von Crosby nachempfunden“, und mindestens zwei Forschergenerationen haben sich mit einem nicht existenten Gebäude auseinander gesetzt. Ein Beispiel, wie blind schrift- und gläubigkeitsergeben bisher die Forschung den Chroniken und Urkunden gefolgt ist.
    Nun hat Illig mit seinen wissenschaftlichen Zeugen ein Problem : Bisher haben sie seine These voll und ganz bestätigt: Das Fulradgebäude ist Fiktion, die Baureste sind zurück ins 5.,6. Jh gestuft, doch nun lassen die beiden Autoren zwei Bauteile als karolingisch gelten : die Außenkrypta von Abt Hilduin von 835 sowie den Apsis-Umbau, und sie erfinden ein drittes dazu, Charlemagnes Erweiterung des Westbaus (M/S267), der bis dato dem 12. Jh zugerechnet worden ist. Illig meint dazu, trotz bester Vorsätze seien die beiden auch der Urkundengläubigkeit erlegen, ein verzeihlicher Irrtum, wenn man davon ausgeht, dass schriftliche Dokumente der Wahrheit dienen, und wenn man keine Fälschungsabsicht unterstellt.
    „Großen Wert legen van der Meulen und Speer auf die Aussage von Guibert von Nogent(1053-1124), daß im 11. Jh ein sog. Turris entstand, der aber schon vor…1094 einstürzte.[M/S201-251]. Sie erkennen in dieser Stiftung von Wilhelm dem Eroberer keinen turmförmigen Westbau, sondern einen Ausbau im östlichen Chorbereich, der Chorflankentürme umfaßt habe.[M/S202]“. (Illig358). Damit verliert zwar Abt Suger seinen Ruhm, den Gründungsbau der Gotik geschaffen zu haben, wie Illig jubelt, aber wenn wir ihn so verstehen dürfen, dass er dieser These der beiden folgt, dann akzeptiert er den Einsturz seines Gedankengebäudes, denn dann liegen Dagoberts Christianisierung der Ur-Apsis (636),das Westwerk als Grabanbau, für Pippin geweiht (/775) und Hilduins Außenkrypta mit drei Radialkapellen (835) voll in der „nichtexistenten Zeit“.
    Seine „kritische Kunsthistorik“ hat nun schon den Nachweis massiver Fälschungen geführt und aus einigen Bauten reine Traumschlösser gemacht. Das allein ist eine höchst anerkennenswerte Leistung, die allerdings nicht von den lieben Kollegen beklatscht wird, die dem kritischen Ansatz  feindlich gegenüberstehen : Illigs These sei nicht falsifizierbar und stehe deshalb außerhalb des wissenschaftlichen Systems. Nun ist eine gewisse Polemik gegen Illigs Generalthese verständlich, und Karl Poppers Forderung an die Wissenschaft, dass Falsifikation wichtiger sei als Verifikation, bekommt bei Illig eine ganz neue Dimension : nachweisen, dass ca. 300 Jahre Geschichte nicht stattgefunden haben.
    Was nun die kritischen Bauphasen angeht, liefert Illig durchaus sinnfällige Erklärungen, die zumindest genau so passend sind wie die von Meulen /Speer.
    Dagoberts Apsisumbau im 7. Jh ist nicht bauarchäologisch fundiert, sondern durch Akzeptanz des tradierten Datums von 636, der sog. Weihe. Meulen/Speer geben selbst an, daß die älteste Quelle für das Datum 636 aus dem 17.Jh stammt (M/S149),außerdem ist nie ein Grab gefunden worden, weder von Dagobert I. noch von seinen Vorfahren Karl Martell und seiner Frau Chrotrudis oder Pippin dem Jüngeren. Dagobert wird in manchen Quellen fälschender Weise als Kaiser benannt, so in den „Miracula“ des 11.Jhs. (Weheli 1982,87) , als Wiedererbauer des römischen Mainz, was Brühl als „gelehrte Legende des 11. Jhs „bezeichnet(1990b105).
    Suger wiederum ließ einen Stuhl des „Kirchengründers“ Dagobert für St.-Denis restaurieren, heute würde man sagen, um ein Kultobjekt in Händen zu halten.
    Bei der Außenkrypta der Hilduin beziehen sich Meulen/Speer auf zwei pergamentene Quellen aus dem 9. Jh und haben sofort das Problem zu erklären, warum in einer Krypta des 9. Jahrhunderts Wandarkaden stehen, die auch aus dem 10. oder 11. Jahrhundert sein können (Vmeulen/Speer254f).
    Der Westbau wird von den Autoren leider nicht bauarchäologisch untersucht. Nun beruht seine Datierung aber auf der Behauptung Sugers, der Westbau sei eine Anfügung des großen Karl. So haben wir um 1150, kurz vor Sugers Tod, zwei Bauherren, und Meulen/Speer fühlen sich halbwegs bestätigt, weil die Türen, Karolingische Bronzetüren, wie  Hahmann-Maclean 1957 feststellt, nachträglich eingebaut und auch andere Veränderungen später stattfinden (M/S175)
    Illig wirft den beiden vor, nicht speziell nach karolingischen Bauresten gesucht zu haben, vor allem aber auch zu sehr an den schriftlichen Quellen festzuhalten. Nun ist der Befreiungsschlag, fast alle schriftlichen Quellen als Fälschungen zu sehen, für die Historiker zu weitgehend. Aber er ist hilfreich, um einen nachvollziehbaren Ablauf zu entwickeln :
    Wenn der Westturm, wie Illig vorschlägt, als Normannischer Turm gedacht wird, kann seine Entstehungszeit ins frühe 11. Jahrhundert getan werden, die erste Bauphase des sog. Westbaus fiele ins romanische 10. Jahrhundert, und „damit ohne weiteres vereinbar wäre die Wiederverwendung älterer Bronzetüren durch Suger, die abwechselnd in das 8.,9. und 11. Jahrhundert datiert werden[M/S175] (Illig)“. [Wie darf denn diese Aussage Illigs verstanden werden ? Meulen und Speer datieren die Türen in die nicht vorhandene Zeit, und Illig stimmt zu ? Rein rechnerisch ist es egal, wo aus der Weltgeschichte die drei überflüssigen Jahrhunderte entfernt werden, so kann es in einem anderen Kulturkreis zu einer späteren Zeit, sagen wir in Mittelamerika , von 1200 bis 1500 eingefügt sein. In Europa hat er sich aber festgelegt auf die Zeit vom 6. bis 9. Jahrhundert. Und dann ist schon eine Bronzetüre zu viel für seine These.] Aus Illigs Sicht „ergibt sich nunmehr eine Baugeschichte, die in St.-Denis auf jegliches Steinmetzen und Mörtelrühren zwischen 614 und 911 verzichten kann. Dieser Nachweis am einstigen Gründungsbau der Gotik ist um so wertvoller, als nach Aussage Meulens und Speers bei keiner anderen fränkischen Kirche vor 1194 die Baudaten hinreichend gesichert sind [M/S2].Und gerade die so überreich aufgelisteten Großbauten der Zeit vor Karl dem Großen (768) – schon Albrecht Mann hat 1151 Gebäude aus den schriftlichen Quellen zusammengefaßt (1965)- sind nicht auffindbar, und Meulen und Speer sehen „die schlichte Unmöglichkeit ihrer Durchführung. Diese urkundlich belegten Großbauten sind sozio-ökonomisch nicht zu erklären, wenn nicht die Übernahme antiker Bausubstanz generell vorausgesetzt wird. Der Alternativvorschlag, sie seien allesamt aus vergänglichem Material gebaut worden, entspricht weder der Überlieferung noch einer systematischen Archäologie(M/S7,Fußnote 21).
    Das müssen wir nochmals hervorheben : Von über 1100 Bauten existiert nicht einer mehr;
    Dass die meisten dieser Bauten auf römischen Fundamenten gebaut und deshalb als Neuwerk nicht mehr erkennbar seien, oder aber aus so vergänglichem Material, das keine drei Jahrhunderte überdauert, dürfen wir wohl ausschließen. So gerät „der Chronikbestand einer ganzen Epoche in den Geruch der Fälschung. Selbst der Versuch, aus Chroniken wuchernde Legenden zu machen, würde nur eines beweisen : daß ihre materiellen Aussagen falsch und anderen Interessen geschuldet sind als denen stimmiger Berichterstattung. Wie stehen aber unsere Mediävisten und Historiker da, die diesen Anachronismus immerhin für fast ein Jahrhundert kommentarlos geschluckt haben ? Ist Blindheit eine fachspezifische Voraussetzung für diese Forscher?
    St-Denis aber bietet uns die rare Chance, zu einer verbindlichen Bauchronologie zu kommen.“ (Illig)
    Jahrhundert: Merowingischer Kirchenbau vor 565, vielleicht schon im 5. Jahrhundert (Apsis vor 614 erneuert)
    614 – 911 : Kein Bau in fiktiver Zeit
    um 1070 : Normannische Ausbauten : Westbau und Kapellenkrypta
    1090 : Eventuell Krypta – Erweiterung mit neuen Kapitellen und Säulen
    1137 : Abt Suger beginnt Umbau des Westbaus (bis 1140)
    1140 : Grundsteinlegung zum Ostchor, der ungewölbt bleibt
    1231 : Beginn des Hochchors unter Abt Odo

    Stilgeschichtlich erscheint uns diese Chronologie sinnfällig, auch die bauarchäologischen Befunde sind eindeutig. Wenn van der Meulen und Speer an karolingischen Elementen festhalten, folgen sie nach unserem Eindruck ihrer Arbeitsprämisse. Bei Elementen, die sie nicht untersucht haben, lassen sie die bisherigen Erkenntnisse stehen. Heribert Illig muß natürlich  gegen den Karolingischen Anteil argumentieren.
    Wir überlassen es Ihrer Meinung, bis neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, nach welcher Seite Sie tendieren.
    Eines sei noch erwähnt : Wenn man sich damit angefreundet hat, die erhaltenen Dokumente als Fälschungen zu akzeptieren, wird die Baugeschichte ohne Brüche nachvollziehbar.

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