Bruno Bettelheim, 1903 in Wien geboren, 1939 in die USA emigriert, war dort Professor für Erziehungswissenschaften, Psychologie, Psychiatrie an der Universität Chikago.
Kinder brauchen Märchen, dtv 1980, ISBN 3-421-01786-7
Der Psychotherapeut Bruno Bettelheim beschreibt in seinen gleichnamigen Buch die Nützlichkeit von Märchen für die Förderung der Entwicklung der Kinder, für die Ausbildung ihrer Moral, die Fähigkeiten, die das Kind braucht um seine inneren Probleme zu bewältigen;
Moderne Kinderbücher belehren und unterhalten, sind dabei aber inhaltlich arm, so dass dem Kind nichts von Bedeutung vermittelt wird, zum Beispiel, wenn die Anleitung zum Lesen Lernen geschieht durch Inhalte, die für das Kind ohne Bedeutung sind und ihm keinen Zugang bieten zu dem, was seinem Leben auf seiner Entwicklungsstufe einen tieferen Sinn geben könnte, es bereichern könnte, ihm helfen könnte, Verstandeskräfte zu entwickeln, Emotionen zu klären, Schwierigkeiten aufzugreifen und Lösungen für Probleme zu finden.
Für diese Funktionen und Bedürfnisse ist in der Kinderliteratur bis auf sehr wenige Ausnahmen nichts so fruchtbar und befriedigend wie das Volksmärchen, das als Kunstgattung so vollkommen ist, weil die Kinder es gänzlich erfassen können.
Märchen entstanden, bevor die heutige technisierte Welt bestand und können nichts darüber aussagen – aber über innere Probleme des Menschen, über die richtigen Lösungen für seine Schwierigkeiten in der Gesellschaft erfährt man mehr als aus jeder anderen Art von Geschichten im Verständnisbereich von Kindern.
Das Leben erscheint dem Kind verwirrend und es braucht eine Möglichkeit, sich selbst zu verstehen, in seinem Inneren und seinem Leben “Ordnung zu schaffen” und eine moralische Erziehung zu erfahren.
Dies alles kann es mit Hilfe der Märchen. Sie, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu erzählt und abgewandelt wurden, bis sie ihre endgültige Form fanden, sprechen nun alle Ebenen der menschlichen Persönlichkeit gleichzeitig an, erreichen den noch unentwickelten Geist des Kindes ( genauso wie den der Erwachsenen ), vermitteln wichtige Botschaften auf bewußter, vorbewußter und unbewußter Ebene, und mit ihrer Beschäftigung mit den universellen menschlichen Problemen und besondes jenen, die das kindliche Gemüt beschäftigen, fördern sie die Entfaltung des Ich, lösen Spannungen, verleihen ihnen Gestalt und Glaubwürdigkeit und zeigen Möglichkeiten auf, diese zu lösen.
Denn Märchen setzen an dort, wo sich das Kind in seiner emotionalen Existenz befindet, in ihnen kommen die inneren Spannungen des Kindes so zum Ausdruck, dass es sie unbewußt versteht, sie bieten Beispiele dafür, wie Schwierigkeiten vorübergehend oder dauerhaft gelöst werden können.
Das heranwachsende Kind muß vielfältige psychologische Probleme bewältigen, verstehen, was sich in seinem Bewußtsein abspielt, und am Ende mit dem zurecht kommen, was sich in seinem Unbewußten abspielt, kann dies aber nicht durch rationales Erfassen, sondern durch Vertrautwerden mit dem Unbewußten; es denkt nach über Elemente aus Märchen, setzt sie neu zusammen, phantasiert darüber, formt unbewußte Inhalte zu bewußten Phantasien, die dann ermöglichen, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen.
Der enorme Wert der Märchen liegt darin, dass sie der Phantasie neue Dimensionen eröffnen, und dass Form und Inhalte der Märchen dem Kind Bilder anbieten, nach denen es seine Tagträume ausbilden kann.
Kann das unbewußte Material bis zu einem gewissen Grade in’s Bewußtsein treten und und in der Phantasie durchgearbeitet werden, verringert sich die Gefahr, dass es den Kindern oder anderen Schaden zufügt, z.B. dadurch, dass diese Elemente unter starrer Kontrolle gehalten werden, dass die Persönlichkeit dadurch Schaden nimmt.
Die Auffassung vieler Eltern, man müsse vom Kind fernhalten, was es bedrückt, das Kind davon ablenken, bewirkt eine nur einseitige Entwicklung des Kindes, bereitet es nicht auf die Schattenseiten des Lebens vor, auf den Tod, das Altern, auf Nöte aller Art; Wenn die Eltern den Kindern eine Welt vorgaukeln, in der alles gut ist, es keine Aggressionen, keinen Neid, keinen Zorn gibt, kann ein Kind in seinen eigenen Augen zum Ungeheuer werden, wenn es diese Gefühle in sich spürt; werden die inneren Konflikte, die aus unseren primitiven Trieben und Emotionen entstehen, den Kindern verschwiegen, so erhalten die Kinder auch keine Hilfen zu deren Bewältigung.
Richtig dagegen ist es, dem Kind die Probleme vor Augen zu führen, sie zu akzeptieren, es sich damit auseinandersetzen zu lassen und ihm zu helfen, damit zu leben ohne zu resignieren.
Die Märchen stellen nun in Symbolform gekleidete Anregungen dar, sich mit diesen Fragen, den grundlegenden menschlichen Nöten, auseinanderzusetzen, sie konfrontieren Kinder mit diesen Nöten.
Viele Märchen beginnen bereits damit : Der Tod eines Elternteils oder die Angst davor, oder die Bewährung der Kinder – die Voraussetzung ist dafür, dass die Alten abtreten – und sie tun dies kurz und unmißverständlich, verwirren nicht mit komplizierten Handlungen, zeigen das gleichzeitige Existieren von Gut und Böse, und auch die Faszination des Bösen, z. B. die Kraft des Riesen, die Zauberkunst der Hexe, die Allwissenheit der Königin in Schneewittchen.
Das Kind leidet mit dem Helden, durchlebt seine Nöte und triumphiert mit ihm am Ende, und diese inneren und äußeren Kämpfe des Helden bilden die Moral des Kindes. Dabei polarisieren die Märchen, wie es auch das Kind tut, die Gestalten sind entweder gut oder böse und erleichtern es so dem Kind, die Unterschiede zu erfassen.
Wenn etwa Kinder Angst vor dem Dunkeln haben, vor einem wilden Tier, um seine körperliche Gesundheit, die sie den Eltern nicht richtig klar machen können : Das Märchen nimmt diese existenziellen Ängste ernst und spricht sie an: Das Bedürfnis geliebt zu werden, die Furcht als nutzlos zu gelten, die Furcht vor dem Tod, und es bietet die Lösungen auf eine den Kindern verstehbare Weise:
So etwa, wenn die Sehnsucht nach dem ewigen Leben in dem Schluß bearbeitet wird “…wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute… ” in dem den Kinder ja nicht vorgespielt wird, dass das ewige Leben möglich ist, aber dass die enge Beziehung an einen anderen Menschen “den Stachel aus der engen Begrenzung unserer Lebenszeit zu nehmen vermag” , man emotionale Lebenssicherheit erreichen kann.
In mancher Beziehung sind Märchen heute noch wichtiger als in früheren Zeiten, als sie entstanden: Denn heute leben Menschen nicht mehr in der Sicherheit, die durch Großfamilien oder andere eng zusammen haltende Gemeinschaften entsteht, und es ist wichtig, Kinder mit Helden bekannt zu machen, die allein in die Welt ausziehen müssen, um sich zu bewähren, ihren Weg zu finden und Selbstvertrauen.
Das Schicksal des Helden kann den Kindern die Überzeugung verleihen, dass sie, egal wie verlassen, hilflos und klein sie sich fühlen mögen, sie am Ende alle Probleme überstehen können und die Hilfen bekommen können, die sie brauchen.
So sieht man in Hänsel und Gretel das Streben des Kindes, sich an den Eltern festzuklammern, die Angst des Kindes vor dem Selbständigwerden, in Schneewittchen, wie das Kind die Mutter übertrifft, wie die böse Stiefmutter (= die negative Seite der Mutter) dem Kind aus Eifersucht kein eigenes Leben zugestehen will, es zerstören will, in Rapunzel, sehr ähnlich Schneewittchen, wie ein Mädchen in der Pubertät von der bösen Fee (wieder die Mutter in anderer Form ) gefangen gehalten wird, also die Mutter es nicht zur Unabhängigkeit gelangen lassen will.
Die Zeit vor den Problemen, die ja erst mit der Pubertät auftauchen – vorher ist auch die Stiefmutter nicht böse, und in den meisten Märchen wird diese Zeit nicht erwähnt – jene, in denen sich das Kind durch Probleme hindurchkämpfen muß, ist im Märchen jene, die Schneewittchen bei den Zwergen verbringt; nur wenige Märchen unterscheiden so deutlich diese beiden Phasen der Kindheitsentwicklung.
Die Probleme dieses Märchens werden bereits zu Beginn angedeutet, wenn die 3 (das ist die Zahl, die unbewußt am am engsten mit Sexualität assoziiert wird ) Blutstropfen in den Schnee fallen, und sexuelles Begehren, Menstruation, Entjungferung, Geburt andeuten; kurz danach wird dann auch Schneewittchen geboren.
Später dann, als Jäger, der Schneewittchen töten soll, tritt wieder der Vater in anderer Gestalt auf : Nur ein Vater ordnet sich der Mutter unter, handelt dann aber gegen ihren Willen, hier nicht indem er es rettet, er lässt es ja im Wald zurück, sondern indem er es nicht tötet wie er sollte, und außerdem die Königin noch mit Hilfe einer Tierleber und-lunge über den Mord täuscht.
Die Königin isst diese und verleibt sich so Schneewittchens Schönheit ein; diese Vorstellung der Aneignung von Eigenschaften durch Essen der betreffenden Tiere/Menschen ist unter primitiven Völkern weit verbreitet.
Schneewittchens Weglaufen zu den Zwergen steht für Bettelheim für die Probleme der Heranwachsenden mit den ambivalenten Gefühlen ihren Eltern gegenüber, denen es aber dadurch nicht entkommen kann. Die Eltern behalten Einfluss auf das Kind, hier gezeigt dadurch, dass Schneewittchen die Königin trotz der Warnungen der Zwerge mehrfach ins Haus einlässt, sich in Gefahr begibt und gerettet werden muss; für Bettelheim “.. das Auf und Ab der Konflikte eines Adoleszenten …”
Das Verlangen nach Schnürriemen, dass Schneewittchen dazu veranlasst, die Krämerin/ Königin einzulassen, bedeutet, dass sie nunmehr eine voll entwickelte junge Frau ist, und dass die Mutter/ Königin sie in ihrer Hilflosigkeit/ Bewegungsunfähigkeit nun nicht tötet, entspricht auch der Lebenserfahrung, dass Mütter ihre Dominanz dadurch zu erhalten suchen, dass sie die Entwicklung der Töchter aufhalten.
Es scheint also, dass Schneewittchen durch die Konflikte und Wünsche der Adoleszenz zugrunde gerichtet wird, aber “… das Märchen weiss es besser, und es lehrt das Kind noch etwas Wichtiges: Wenn Schneewittchen die Gefahren, die das Erwachsenwerden mit sich bringt, nicht durchlebt und gemeistert hätte, hätte es nie den Königssohn bekommen.”
Die Wünsche Schneewittchens sind übermächtig; selbst nachdem es das erste mal von den Zwergen gerettet wird, kann es den Verlockungen nicht widerstehen, und lässt sich beim zweiten Besuch/ Versuch der Königin/ Krämerin kämmen, um schön, begehrenswert zu sein, und beim dritten mal nimmt es dann den Apfel an, der nicht nur in der christlichen Bibel, sondern in vielen Kulturen, Mythen, Märchen für Liebe und Sexualität in ihren wohltätigen und gefährlichen Apekten steht;
es isst die eine Hälfte davon, die rote, giftige Hälfte, die Mutter die andere, weisse, und auch dieses Bild des geteilten Apfels symbolisiert eine tiefere Warheit: Die herangewachsene junge Frau hat nun auch die gleichen reifen sexuellen Begierden wie die Mutter.
Als sie nun den vergifteten Apfel isst, stirbt das Kind in ihr und wird in einen durchsichtigen Sarg gelegt, wo es ruht und von Vögel besucht wird, die andeuten, dass dieser Schlaf ihre letzte Vorbereitungsperiode zur Reife ist: Die Eule steht für Weisheit, der Rabe für das reife Bewusstsein, das Täubchen für die Liebe.
Erst nach dieser Periode ist es reif für ein Leben als Erwachsene, als Frau eines Mannes, der hier in Form des Königssohnes daher kommt, und bewirkt ( durch den Diener, der den Sag mit Schneewittchen trägt und durch sein Stolpern Schneewittchen dazu bringt, den vergifteten Apfel auszuspucken) dass es erwacht als erwachsene Frau.
Schneewittchen wiederholt die reale oder phantasierte Geschichte des Menschen: Die Vertreibung aus dem Kindheitsparadies, in dem alle Wünsche ohne Bemühen erfüllt werden, die Erfahrung von Gut und böse :
Das rote Chaos ungezügelter Emotionen, freudianisch des ES’, und die reine Weisheit des Gewissens, des Über-Ichs;
So wie Schneewittchen fallen viele Märchenfiguren an einem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung in einen tiefen Schlaf und wiedererwachen oder werden wiedergeboren – was in vielen sogenannten archaischen oder primitiven Gesellschaften in wichtigen und unvermeidbaren Ritualen auch dargestellt, gespielt wird, wenn die junge Frau in den Stand der Erwachsenen eintritt, und damit auch heiratbar wird, der junge Mann in den Stand des Kriegers, des voll berechtigten Erwachsenen, der eine eigene Familie gründen und ernähren kann und darf.